23. Oktober 2001

Todesstürze

Filed under: Annekdotes — Freerk @ 18:25

Alles fängt damit an, daß ich morgens aufwache und denke: Was für ein absurder Traum. Manchmal erinnere ich mich nach dem Aufwachen an meine Träume. Wenn ich dann sofort darüber nachdenke, bleiben sie in meiner Erinnerung erhalten. Schnelles Aufstehen läßt sie erst verblassen und dann verschwinden. Ich glaube, daß das Nachdenken über meine Träume sie der realen Erfahrung näherbringt und somit konserviert. So kann ich mich auch jetzt noch an Traumsequenzen erinnern, die Jahre zurück liegen. An jenem Morgen wache ich also auf, und wundere mich doch sehr. Mein Traum spielte, das Wort “spielte” ist hierbei sehr bewußt gewählt, es kommt dieser Traumwahrnehmung am nächsten, aber auch “handelte” oder “fand statt” kommen hin und wieder vor, nicht jedoch bei diesem Traum, er spielte also in meiner norddeutschen Heimatstadt:

Ich stehe an einer Strassenbahnhaltestelle und warte (Ich kenne Strasse und Gegend, sie existieren wirklich, ich habe lange dort gewohnt. Mit der Bahn bin ich jedoch nur selten gefahren). Als sie kommt, steige ich in den hinteren Wagen ein und setze mich. Ich bin der einzige Passagier. Nachdem sich der Wagen in Fahrt setzt, ertönt eine Frauenstimme aus den Lautsprechern, ich glaube es ist die Stimme, die sonst die Haltestellen ankündigt. Sie sagt: “Sehr geehrte Fahrgäste, ich freue mich, ihnen jetzt und hier einen der größten Rapper unserer Zeit präsentieren zu können. Meine Damen und Herren: LL Cool J !” (Ich kenne LL Cool J. Hin und wieder hört man ihn im Radio oder im Fernsehen, ich glaube der Name bedeutet Ladies love cool James). Und dann wird Musik gespielt und er fängt an, zu rappen. Aber weil ich ihn nirgendwo sehen kann, ich bin ja der einzige hier im Wagen, stehe ich auf und gehe ganz nach vorne und schaue durch das Fenster in den vorderen Wagen. Der ist auch leer, aber da, direkt neben dem Fahrer steht er, da steht LL Cool J und singt mit ausladenden Handbewegungen. Das ist ja erstaunlich, der, hier in der Strassenbahn, die ins Zentrum führt.

Die Bahn fährt weiter, verlässt dann aber ihre (“reale”) Strecke und fährt auf den Fluß zu. Das Wasser im Fluß ist angestaut oder die Brücke, auf die ich mich zubewege, hängt besonders tief, jedenfalls fließt das Wasser direkt unter der Brücke. Der Fluß ist überquert und ich steige aus, bin aber immernoch auf der ersten Seite des Flusses. Ich gehe also nochmal über den Fluß, in derselben Richtung, ohne zwischendurch zurückgegangen zu sein.

Und jetzt fällt es mir plötzlich auf: Der Himmel ist sehr wolkenverhangen, es regnet nicht, aber es ist sehr stürmisch. Man kann die Sonne nicht sehen, aber sie scheint auf die Häuser am Fluß. Ihre Fassaden leuchten hell vor dem dunklen Himmel. Das Wasser unter der Brücke ist so nah, man kann es mit der Hand berühren. Ich denke: “Hoffentlich schadet das der Konstruktion nicht.” Es fließt schnell, wie bei Hochwasser eben. Auf der anderen Seite angekommen stehe ich direkt am Ufer. Um mich herum stehen kleine Bäume mit weißen Blüten, vielleicht sind es Kirschen, vielleicht aber auch nicht. Ich bin mir nicht sicher. Die Bäume sind so groß wie ich, es ist eine kleine Anpflanzung, ein Hain. Ich kann nur noch die vielen weißen Blüten und den dunklen Himmel darüber sehen. Mein letzter Traumgedanke ist: “Wer pflanzt denn sowas neben einen Fluß?”. Dann wache ich auf und mein erster Gedanke ist: “Wer pflanzt den sowas neben einen Fluß? Was für ein absurder Traum.”

Dann, zwei Tage später, telefoniere ich mit der Heimatstadt und erzähle von meinem Traum. Ich erzähle ihn so, wie ich ihn hier gerade geschildert habe (der Ortskundige am Telefon ist ebenfalls sehr verwundert). Ich versuche die Stimmung des Traumes noch genauer zu fassen und plötzlich erinnere ich mich an ein Bild, das ich vor ungefähr sechs Jahren gesehen haben muss. Mein Kunst Leistungskurs war damals auf Museentour in Deutschland. Das Bild hat im Museum Folkwang in Essen gehangen: “Todessturz” von Franz Radziwill. Damals faszinierte mich dieses Bild, vielleicht ist fasziniert übertrieben, es ist eben eins der Bilder, die man sich auch mit zwanzig länger anschaut und an die ich mich jetzt noch erinnere.

Am anderen Ende des Telefons kennt man das Bild nicht, wohl aber andere Bilder Radziwills: “Ah, ja, ich glaub ich weiß was du meinst.” In der Tat, das sei doch ein mysteriöser Traum gewesen, und man kann dort sicherlich traumdeuterisch aktiv werden: Die Brücke an sich als Symbol für den Übergang in einen anderen Zustand, auch als Übergang ins Jenseits, den Tod. Das Hochwasser, die Bedrohung, viele Menschen träumen vom Ertrinken, einer Urangst des Menschen. Der Hain auf der anderen Seite des Flusses, die Kirschblüte hat in Asien ein wichtige mythologische Bedeutung. Das sei zweifellos eine existentielle Grenzsituation gewesen.

Nach dem Telefonat gehe ich zu meinem Bücherregal. Irgendwo müsste doch noch eine Abbildung dieses Bildes existieren… ah, ja, hier könnte es sein: “Wege zur Kunst 1: Malerei – Der KunstBlock”. Hat damals nur 12 Mark gekostet weil er von Schwäbisch Hall und den Raiffeisenbanken gesponsort wurde. Als Titel vorne drauf: Tischbeins Goethe neben Lichtensteins M-Maybe. Es geht los mit Romanik und Gotik und endet mit Happening und Fluxus. Wenn ich hier nicht fündig werde, wo sonst? Und dann, fast in der Mitte, die neue Sachlichkeit und als Seitenarm: Der magische Realismus. Dort ist das Bild. Franz Radziwill, Todessturz Karl Buchstätters, 1928, Essen, Museum Folkwang. Wusste ich´s doch! Es ist ein quadratisches Bild in Öl auf Leinwand. Die Szenerie ist eine andere als in meinem Traum, aber die Stimmung trifft genau zu:

Neben einer kleinen Strasse mit Bordstein stehen auf der einen Seite hell angeleuchtete Häuser. Es sind kleine, eingeschossige Bauten mit kleinen Fenstern und roten Dachziegeln. Zwischen ihnen wachsen Bäume und Büsche, auch sie leuchten magisch. Gegenüber verläuft ein Siel, ein kleiner Kanal, der der Landentwässerung dient. Strasse und Siel fliehen zum Horizont und dort, weit hinten, erkennt man das Meer, ganz hell, fast weiß.

Die Strasse kreuzt ein Bahngleis. Die Schranken sind aufgestellt und weisen hoch in den Himmel. Zum Bahnübergang gehört ein Schrankenhaus aus rotem Klinker. Ganz oben besitzt es ein großes Fenster, das Übersicht über die Gleise gewährt. Das Schrankenhaus ist sehr hoch, fast ein Turm, und diese Größe und die Positionierung im linken Vordergrund lässt es zum auffäligsten Teil des Bildes werden.

Den äußeren linken Rand des Bildes bildet ein angeschnittener Strommast, man sieht nur ein paar Stahlstreben und Nieten, weiß aber genau, worum es sich handelt. Ein zweiter Mast findet sich weiter hinten im Bild zwischen den Häusern und Bäumen. Die Masten sind blau und rot lackiert, man erkennt keine Leitungen zwischen ihnen.

Über allem hängt düster der Himmel, fast schwarz, nur ein paar Ansätze von Wolken sind auszumachen. Er besetzt mehr als die Hälfte des Bildes. Nur Schranken und Turm stechen in ihn hinein – und dort, weit oben, ein kleines Flugzeug, ein Doppeldecker. Es befindet sich in gefährlicher Schräglage, der Betrachter sieht seine Oberseite, ein Sturzflug, höchstens noch zwei Sekunden vom Boden entfernt. Es wird bestimmt in Häuser oder Bäume stürzen.

Zwei weitere Details fallen dann ins Auge, zum einen ein Schiff auf See, klein aber wohl sehr groß, vielleicht ein Kriegsschiff. Blau steckt es zwischen schwarzem Himmel und weißer See, Masten kann man erkennen und auch eine Brücke.

Beim zweiten Detail bin ich mir nicht so sicher, ich denke, es ist ein Mann, der eine Drehorgel auf dem Rücken trägt. Er geht gebückt die Straße Richtung Meer hinunter, hat gerade das Gleis überquert. Vielleicht wohnt er in einem der Häuser, möglicherweise geht er auch zu einem Strand am Meer. Wenn es so ist – wenn das ein Mann mit Drehorgel ist – dann wäre er der einzige erkennbare Mensch. Sonnst ist dort nichts, kein Schrankenwärter hinter dem Fenster, niemand auf der kleinen Brücke, die über den Siel führt. Keine Menschen auf der Strasse oder in den Gärten der Häuser. Die Szenerie wirkt verlassen, nicht unbedingt “gespenstisch verlassen”, weil der düstere Himmel schlechtes Wetter, Regen und Sturm assoziieren lässt und alle Menschen genausogut in ihren Häusern sitzen könnten. Der Krieg liegt Jahre zurück, und so kann ich mir trotz Schiff und Flugzeug nicht vorstellen, das sie geflüchtet sind.

Aber das Bild trägt doch den Namen eines Menschen und deshalb kann man sich fast sicher sein, daß er dort oben in dem kleinen Doppeldecker sitzt, dieser Karl Buchstätter. Dort sitzt er und rast auf die Erde zu, das ist sein Todessturz, sein Ziel ist das hell leuchtende Dorf am Meer.

Aber Karls Todessturz friert ein. Diese Momentaufnahme ist wie ein Foto, das zeigt, wie es ist und die Vorstellung anregt, was sein wird. Seit 71 Jahren hängt der Doppeldecker über dem Stilleben, der Idylle, die keine ist, und droht in sie einzubrechen. Irgendetwas stimmt nicht auf diesem Bild. Es steckt eine Unruhe darin, die nicht nur vom bevorstehenden Einbruch her rührt. Auch die Bauten leuchten nicht übertrieben stark, es gibt solche Lichtverhätnisse an stürmischen Tagen, wenn der Himmel sich zuzieht, die Sonne aber tief steht und durch ein kleines Fenster in der Wolkendecke auf die Erde strahlt. Nicht oft, aber gesehen hab ich sowas schon. Man hält dann auch immer Ausschau nach einem Regenbogen.

Radziwill hat diese Szenerie also präzise abgebildet, die Wiedergabe der Wirklichkeit war im sehr wichtig. Die roten Klinker im Schrankenhaus sind einzeln erkennbar, er hat sie nicht nur angedeutet, der Mörtel zwischen allen Steinen ist erkennbar. Es steckt nichts Abstraktes in diesem Bild und nichts aufgelöstes. Radziwill hat so genau, so gegenständlich gemalt, wie es nur ging.

Und ich glaube, genau das hat mich damals, mit zwanzig, an dieses Bild gefesselt. Es stellen sich einem sofort die Fragen nach dem Wo und Wer und erst recht Warum. Gab es denn einen Karl Buchstätter und ist dieser Todessturz selbstgewählt? War er vielleicht im ersten Weltkrieg Pilot und hält es jetzt, zehn Jahre später, nicht mehr aus und bombardiert seine Heimat? Warum sehen wir große Schiffe, Strommasten, Schienen – die Errungenschaften der Menschen, aber nicht den Mensch selbst?

Vielleicht hat Karl das zum Freitod bewegt, die Tatsache das Technik in sein Leben Einzug gehalten hat und die Menschen ausgezogen sind. Das kleine Dorf verschwindet hinter Schrankenhaus und Strommast, sie dominieren jetzt diesen Ort, nicht mehr der Mensch ist es wert, abgebildet zu werden, nein, nur noch sein Werk ist wichtig. Es sind die Folgen der vom Menschen selbst gewählten Zerstörungen, die letztlich seine, unsere Existenz bedrohen.

Und dann klappe ich den Katalog wieder zu und stelle ihn zurück ins Regal, weil mir das schon ein wenig Unbehagen bereitet, das mit dem Traum und dem Bild. Es gibt da ja doch so einige Paralellen, und die dramatischen Lichteffekte sind nicht die einzigen. Schließlich studiere ich doch dort an dieser Hochschule und habe auch nur Technik um mich herum und Leute, die mit den Geräten tolle Sachen machen und nicht merken, daß sie selbst immer weniger werden und der Effekt immer mehr. Bald fällt ihnen die Hand ab und sofort wächst eine Kamera nach und sie sitzen nebeneinander auf dem Sofa und sprechen in ein Mikrofon, damit dem anderen auch die beste Sprachqualität zur Verfügung steht. Das Leben ist eine Idylle solange der Fernseher funktioniert und die Abendgestaltung gesichert ist und der Jumbo nicht aufs eigene Haus fällt.

Und die letzte Paralelle zwischen Traum und Bild fällt mir dann später, am Abend, auf. Auch LL Cool J findet sich in Radziwills Bild wieder: Als Mann mit der Orgel.

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1 Kommentar »

  1. Zu dem Bild von Radziwill schauen Sie doch einmal in meinen Blog http://loomings-jay.blogspot.com unter “Franz Radziwill”, dort steht mehr

    Comment by Jay — 12. August 2010 @ 12:16

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