21. Mai 2005

Nüchtern TV, 2002

Filed under: Annekdotes — Freerk @ 09:42

Mit Schrecken habe ich heute zwei Dinge festgestellt. Erstens, dass es eine Girl-Group gibt, die den selben Namen wie meine Diplomarbeit trägt, bloß auf Englisch. Zweitens, dass in Köln wieder einmal die Schreckensherrschaft des Karnevals angebrochen ist.
Der zweite Schreck ist der bei weitem gravierendere. Besonders plagt mich dabei mein übergroßes Küchenfenster, ich wohne in einem alten Bäckereiverkaufsraum. Dieses Fenster ermöglicht im Normalbetrieb den vollen Einblick in meine Ernährungsgewohnheiten, in der jecken Zeit dient es den Karnevalisten allerdings als gigantischer Fernseher (immerhin 400cm Bildschirmdiagonale), der nur ein einziges Programm zeigt: Nüchtern-TV.

Als ich vor ein paar Jahren aus dem karnevallophoben Norden nach Köln zog, kannte ich bis dato gerade mal ein Brauchtum, dass sich Fasching nannte, und das organisierte Verkleiden im Klassen- oder Kindergartenverband beschrieb. Aus endlos scheinenden WDR-Live-Übertragungen kannte ich aber selbstverständlich auch den rheinischen Karneval, zumindest meinte ich, ich würde ihn kennen. Ich hielt das Ganze für eine Art Loveparade für Kneipengänger und hegte keinerlei Ressentiments. Der erste, wirklich erlebte Karneval, verschlug mir dann aber sprichwörtlich die im neuen Lebensraum sowieso schon selten gewordene Sprache. Ich hatte das Ausmaß der Veranstaltung unterschätzt.

Ein Tipp für Einheimische: Wenn sie schon immer einmal wissen wollten, wer denn aus ihrer Gegend Zugezogener ist und wer nicht, dann stellen sie sich doch einmal an Weiberfassnacht vor den lokalen Supermarkt. Nehmen sie eine Polaroidkamera mit und fotografieren sie jeden, der im geschlossenen Supermarkt seinen täglichen Einkauf tätigen wollte. Das wird ein buntes Potpourri verschiedenster Regio- und Nationalitäten sein, denn die Einheimischen stehen ja schon seit dem Morgen betrunken am lokalen Marktplatz.

Zurück zu meinem Schaufensterfernseher. Die Strasse, in der ich lebe, liegt zwischen einem größeren Wohngebiet und der dazugehörigen U-Bahn-Haltestelle. Im erwähnten Normalbetrieb sehe ich viele Aktentaschen an meinem Frühstückstisch vorbeiwandern, intervallartig, weil ja die Abfahrtzeiten der U-Bahn als Fotokopie über jedem Schlüsselbord im Flur hängen, und dies zudem keine Gegend ist, in der man gerne wartend in der U-Bahn Station herumsitzt. Eine Schule gibt es auch im Wohngebiet, die die Schüler morgens um viertelvoracht einsaugt und gegen halb zwei wieder ausspuckt. Das ihnen in dieser Zeit zuteil gewordene Leid geben sie regelmäßig ebenso spuckend an meine Fensterscheibe weiter.

Der große Vorteil dieses Normalbetriebs ist der, dass es sowohl vor als auch hinter dem Fenster nüchtern zugeht. Schüler und intervallartig heimkehrende Arbeiter trinken erst nach Dienstschluss und passieren meine Fensterscheibe danach nicht mehr. Während des Karnevals ist das anders. Die gesenkte, mich im Normalbetrieb schützende Hemmschwelle ermöglicht es den Passanten nun ihrer Neugier nachzugeben, und unter einem von mir aufgebrachten Blindstreifen auf der Scheibe hindurchzuschauen. Gestern beispielsweise verbrachte ein offensichtlich stark alkoholisierter Mann, der sich unter Zuhilfenahme einer Rolle Klopapier in eine Art Mumie verwandelt hatte, volle 15 Minuten vor meinem Fenster. Immer wieder gab er seiner endlich befriedigten Neugier mit den Worten >>So sieht das aus, so sieht das nämlich aus<< Ausdruck. Nachdem er es sich auf der Motorhaube eines geparkten Autos gemütlich gemacht hatte, gesellten sich noch 3 Sekretärinnen hinzu, von denen 2 als Katze verkleidet waren. Die Dritte hatte ein im Rheinland weit verbreitetes, buntes Clownskostüm an, ich selbst hatte einmal mit dem Gedanken gespielt, mir ein solches Kostüm für damals noch 10 Mark zuzulegen, gewissermaßen als Tarnung, nahm von dieser Idee allerdings Abstand. Der Klopapiermann erklärte den Sekretärinnen, worum es sich bei diesem Schaufenster handele. Auch sie blicken gespannt in meine Küche. So sieht das nämlich aus.

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